
Der Anschlag auf die Berliner Stromversorgung legt nicht nur die brüchige Infrastruktur offen, sondern auch ein doppeltes Maß im Umgang von Polizei und Justiz mit politischer Gewalt: Wo bei mutmaßlich linken Tätern in Rekordzeit von „Terror“ gesprochen und Ermittlungen hochgefahren werden, ziehen sich Verfahren gegen gesichert Rechtsextreme oft über Jahre – wenn sie überhaupt konsequent geführt werden. Diese Asymmetrie spielt jenen Kräften in die Hände, die das Vertrauen in einen sozial handlungsfähigen Staat zerstören wollen – von der radikalen Rechten bis hin zu Akteuren im Kreml, die ein geschwächtes, nach innen beschäftigtes Deutschland brauchen, um den Krieg gegen die Ukraine zu führen.
Linke Sabotage, reale Gruppe – und russische Handschrift?
Die Vulkangruppe ist kein Phantom: Seit 2011 taucht sie im Umfeld von Brandanschlägen auf Bahn‑ und Energienetze in Berlin und Brandenburg auf, mit klaren ideologischen Chiffren gegen fossile Energien, Reichtum und Staat. Behörden ordnen sie dem militanten Linksextremismus zu, ohne dass bislang Köpfe oder Strukturen öffentlich identifiziert wurden; der aktuelle Text „Den Herrschenden den Saft abdrehen“ folgt dieser Linie, indem er fossile Infrastruktur ins Zentrum stellt und Stromausfälle rhetorisch als „Nebenwirkung“ abtut.
In der OSINT-Szene, die öffentlich zugängliche Informationen auswertet, werden aktuell sprachliche Brüche im Bekennerschreiben aufgezeigt: Dass der Name JD Vance in russischer Transkription und Rückübersetzung von „Ванс“ als „Vans“ auftauchen kann, ist technisch plausibel – ein typischer Output einfacher Übersetzungstools. BerlinStory schreibt dazu „Der gesamte Text wirft Fragen auf. Neue und alte Rechtschreibung. Gegenderte Sprache, aber auch merkwürdige Formulierungen. Hinzu kommen die kyrillischen Übersetzungen. Es wirkt, als habe man eine Mischung aus ChatGPT und Übersetzer genutzt und den Text anschließend manuell bearbeitet.“
Aus linker Perspektive ist aber nicht nur die Frage wichtig, ob Moskau hier der Auftraggeber war, sondern auch wie sich reale linke Militanz mit imperialer Informationskriegsführung kreuzen kann: Ein kleiner, abgeschotteter Kreis sabotiert Infrastruktur aus einer anti‑kapitalistischen Motivation heraus – und öffnet damit ein Fenster, das rechte Medien, Sicherheitsapparate und russische Desinformationsfabriken sofort nutzen. Die These einer False‑Flag‑ oder zumindest „mitdesignierten“ Operation bleibt spekulativ, aber seine Warnung, dass hier hybride Kriegsführung auf bereits vorhandene linke Praxis aufsetzt, ist politisch stichhaltig.
Schnelle Spurensuche links – Langer Atem rechts
Während beim Stromanschlag binnen Stunden von „linksextremistischem Anschlag“ die Rede ist, wirkt der Umgang mit gesichert rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit Jahren strukturell zögerlich – von der NSU‑Mordserie über Halle und Hanau bis hin zu rechten Netzwerken in Polizei und Bundeswehr. Amnesty International spricht im Rückblick auf die NSU‑Ermittlungen von einem „institutionellen Rassismus“, der darin sichtbar wurde, dass Behörden ihrer Pflicht zur gleichberechtigten Aufklärung nicht nachkamen.
Beim Stromausfall Berlin:
- Polizei und Landesregierung stuften das Bekennerschreiben früh als glaubhaft ein, noch bevor die Staatsanwaltschaft überhaupt offiziell im Verfahren war; die mediale Zuschreibung „linksextremistisch“ erfolgte praktisch in Echtzeit.
- Der Staatsschutz kommunizierte schnell, der Verfassungsschutz verwies darauf, die Gruppe habe „Seriencharakter“, es gibt sofort Forderungen nach härterem Durchgreifen und verschärften Sicherheitsgesetzen.
Dem gegenüber stehen rechtsextreme Strukturen, bei denen Polizei und Justiz häufig mit maximaler Vorsicht und minimaler Geschwindigkeit agieren:
- Im NSU‑Komplex wurde über Jahre in migrantischen Communities ermittelt, während die neonazistische Spur systematisch vernachlässigt wurde; die Kernfrage nach Mitwissern und Helfern in Sicherheitsbehörden ist bis heute nicht aufgeklärt.
- Recherchen zu Rechtsextremismus in der Polizei dokumentieren Hunderte Vorfälle – Chatgruppen, Drohbriefe, Nazi‑Symbolik –, die lange als „Einzelfälle“ verharmlost wurden, während strukturelle Gegenstrategien nur zögerlich implementiert werden.
Die wissenschaftliche Literatur verweist zusätzlich darauf, dass Aufklärungsquoten bei politisch motivierten Straftaten je nach Phänomenbereich stark schwanken: Linke Delikte mit klarer Szene‑Verortung (G20, militante Aktionen) werden mit hoher Priorität verfolgt, während rechte Gewalt, insbesondere rassistische Alltagsangriffe, häufig im Dunkelfeld bleibt oder als „unpolitisch“ geführt wird. In der Summe entsteht ein Bild, in dem linke Gewalt schnell als Bedrohung der staatlichen Ordnung begriffen wird, während rechte Gewalt zu oft als Störung am Rand wahrgenommen wird – trotz ihrer massiv höheren Opferzahlen in den letzten Jahrzehnten.
Wie Spaltung und Abschreckung linker Politik Russland nützen
Für Russland ist diese Asymmetrie Gold wert: Ein Staat, der beim Thema Rechtsextremismus sichtbar versagt, aber bei vermeintlich linken Tätern umso härter zuschlägt, wirkt nach innen wie außen delegitimiert – gerade bei jenen, die auf soziale und demokratische Reformen hoffen. Desinformationskampagnen zielen darauf, diese Widersprüche maximal auszuleuchten: Der deutsche Staat erscheint entweder als schwach gegenüber Nazis oder als Repressionsapparat gegen linke Opposition – in beiden Lesarten verliert progressiv‑soziale Politik an Glaubwürdigkeit.
Hinzu kommt, dass Angriffe auf kritische Infrastruktur sehr gezielt soziale Konfliktlinien vertiefen: Wenn Pflegeheime evakuiert werden müssen, Schulen und Kitas schließen, kleine Läden vor dem Aus stehen, lässt sich leicht behaupten, „Geld und Energie für die Ukraine, aber nicht für unsere Alten“. Genau dieses Narrativ findet sich seit Jahren in russisch gestützten Kampagnen: Sanktionen und Waffenlieferungen würden „den kleinen Leuten“ schaden, linke Klimapolitik treibe Energiepreise hoch und mache Heizen unerschwinglich.
Das Ergebnis ist dreifach:
- Linke, sozial‑ökologische Politik erscheint als Krisengenerator, nicht als Antwort auf die Krise.
- Rechte und „querfrontige“ Kräfte (von AfD bis vermeintlich „soziale“ Russlandversteher) können sich als Schutzmacht der „einfachen Leute“ inszenieren – und gleichzeitig für ein Ende der Ukraineunterstützung werben.
- Deutschland wird nach innen beschäftigt und gespalten, was seine Fähigkeit mindert, verlässlich Waffen, Geld und politische Rückendeckung an Kyiv zu liefern.
In diesem Rahmen bekommt der Anschlag in Berlin eine Bedeutung, die über eine linke Kleingruppe hinausgeht: Er wirkt als Verstärker eines Diskurses, in dem soziale Unsicherheit, institutionelles Misstrauen und asymmetrische Repression zusammenspielen – eine Konstellation, die autoritären Projekten nützt, egal ob sie „Made in Germany“ oder „Made in Moscow“ sind.
Zum Weiterstöbern:
- https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-01/stromausfall-berlin-anschlag-linksextremismus-vulkangruppe-kai-wegner
- https://www.deutschlandfunk.de/polizei-spricht-von-linksextremistischem-anschlag-110.html
- https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/291189/polizei-und-rechtsextremismus/
- https://www.tagesschau.de/inland/regional/berlin/stromausfall-vulkangruppe-100.html
- https://taz.de/Desinformationskampagne-Russlands/!6034158/
- https://www.ukraine-wiederaufbauen.de/ukraine/russische-desinformation-in-deutschland-digitale-einflussnahme-247620
- https://www.deutschland.de/de/topic/politik/desinformation-russische-attacken-deutschlands-reaktion
- https://www.tagesspiegel.de/berlin/brandanschlag-auf-kabel-ermittlungen-zu-stromausfall-noch-bei-polizei-15103294.html
- https://www.tagesspiegel.de/berlin/mysterium-vulkangruppe-eine-serie-von-anschlagen–und-ein-russlandverdacht-15105220.html
- https://www.dw.com/de/stromausfall-in-berlin-wie-gef%C3%A4hrlich-ist-linksextremismus/a-75396304
- https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/vulkangruppe-berlin-linksextremismus-100.html
- https://www.tagesschau.de/faktenfinder/false-flag-taeuschungsmanoever-101.html
- https://www.deutschlandfunk.de/rechtsextremismus-bei-der-polizei-zu-viele-einzelfaelle-100.html
- https://polizei.nrw/sites/default/files/2025-03/lagebild_rechtsextremismus_2025_0.pdf
- https://www.freiheit.org/de/deutschland/der-polizei-ist-kein-platz-fuer-rechtsextreme
- https://kfn.de/wp-content/uploads/2020/11/Treskow_Baier_(2020)_Wissenschaftliche_Analyse_Praevention_Linksextremismus.pdf
- https://www.bpb.de/themen/linksextremismus/dossier-linksextremismus/265353/repraesentation-des-linksextremismus-in-oeffentlichem-diskurs-und-wissenschaft/







