
Wenn die Krankheit zum Sparprogramm wird
Also, liebe Leute, wir müssen reden. Nicht über Orbán, nicht über Trump, nicht über die Straße von Hormus – all das stimmt uns zwar ohnehin schon dauerhaft wütend, aber heute geht es um etwas, das dich morgen treffen könnte. Wenn du krank wirst. Wenn du das Bett nicht verlassen kannst. Wenn dein Körper halt nicht mehr mitmacht.
Die Bundesregierung hat am Wochenende – schön, dass sich unsere Regierenden ja auch den Sonnabend für ihre kleineren Grausamkeiten freihalten – nach Wegen gesucht, die ausufernden Kosten im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. Aber darüber später mehr.
Diskutiert wird jetzt also, wie man das Problem löst, indem man es einfach auf diejenigen abwälzt, die es schon am härtesten trifft. Einschnitt Nummer eins auf der Liste: die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Ja, du hast richtig gelesen. Wenn du im Bett liegst, Fieber hast, dich übergeben musst oder dir gerade das Bein gebrochen hast, sollst du weniger Geld bekommen. Genauer: Die ersten Tage, die du im Krankenstand bist, sollst du am besten nicht mehr vom Arbeitgeber bezahlt werden, sondern die Krankenkasse springt ein – zu einem, wer hätte es ahnen können, geringeren Satz. Das nennt man dann wohl Modernisierung oder Systemstabilität oder so etwas, was auf Aktenblättern gut klingt, aber in der Realität einfach nur bittere Verachtung ist.
Wir verstehen schon, dass es nicht einfach ist. Die Gesundheitskosten explodieren, die Bevölkerung wird älter, die Medizin teurer. Aber die Lösung ist nicht, diejenigen zu bestrafen, die durch keine Schuld an ihrer Krankheit in eine existenzielle Notlage geraten. Die Lösung ist nicht, die Lohnfortzahlung – eine Errungenschaft, die Arbeiter:innen über Jahrzehnte hinweg erkämpft haben – zu erodieren.
Der Zynismus an der Geschichte ist ja fast schon genial: Wir sparen am Ende bei denen, die am meisten schutzbedürftig sind. Wer es sich leisten kann, hat eine private Zusatzversicherung. Wer nicht, der muss mit einer Lohnkürzung leben, wenn er krank wird. Das ist dann so etwas wie Solidarität nach Maßgabe der Zahlungsfähigkeit.
Und dann die teuren Krebsmedikamente. Keytruda ist eines der besten Krebsmedikamente der Welt – und eines der teuersten. Pharmakonzerne reizen das deutsche System maximal aus. Sie verdienen Milliarden an Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Und die Antwort unserer Regierung ist nicht, die Konzerne an die Kandare zu nehmen, sondern zu prüfen, wie man die Versicherten dafür bluten lassen kann.
Das ist es, was uns verärgert. Nicht nur, dass diese Sparpläne existieren – sondern dass sie überhaupt ernsthaft diskutiert werden. Dass niemand in Berlin aufsteht und sagt: Warten Sie mal, wir sparen hier an den Falschen. Dass niemand die Verantwortlichen in den Pharmafirmen an die Wand stellt und sie fragt, ob ihnen wirklich keine Grenzen bewusst sind.
Aber vielleicht ist das ja genau das Ziel: Ein System, in dem Krankheit zur finanziellen Strafe wird. Ein System, in dem diejenigen, die es sich nicht leisten können, gesund zu bleiben, auch noch dafür bestraft werden, dass sie es nicht sind. Ein System, das die Zurückgelassenen noch ein Stück weiter nach unten drückt, während oben weiter Milliarden umgesetzt werden.
Wir schreiben das nicht, um Panik zu verbreiten. Wir schreiben es, weil wir sehen, was passiert. Und weil wir es satt haben, dass Politik immer dann zum Sparprogramm wird, wenn es um die geht, die es ohnehin schon schwer haben. Wir schreiben es, weil wir Solidarität als etwas verstehen, das nicht nach der Zahlungsfähigkeit sortiert, sondern nach der Menschlichkeit.
Und wir schreiben es, weil wir hoffen, dass genug Leute aufwachen, bevor es zu spät ist. Bevor der Krankenstand zur Frist für den nächsten Sparkurs wird.
Das System krankt nicht an den Kranken. Es krankt an denen, die Profit über Menschen stellen. Und wer das nicht begreift, der hat auch keine Geschäft im Gesundheitswesen.
Quellen:
- Lohnfortzahlung bei Krankheit: Bundesregierung prüft Einschnitte, DER SPIEGEL, 13.04.2026, https://www.spiegel.de/wirtschaft/lohnfortzahlung-bei-krankheit-bundesregierung-prueft-einschnitte-a-015f9a47-a656-4668-83b0-58b6146733f9
- Explodierende Kosten für Gesundheit: Wie teure Krebsmedikamente das Gesundheitssystem sprengen könnten, DER SPIEGEL, 13.04.2026, https://www.spiegel.de/wirtschaft/krebs-wie-teure-krebsmedikamente-das-gesundheitssystem-sprengen-koennten-a-2249c794-2403-48b5-92be-43886a646f28





